Sonntag, 10. August 2014

Leben

Jeden Tag gehen die Frauen aus dem Dorf hinunter zum Fluß.
In großen Tonkrügen holen sie Wasser, denn im Dorf gibt es keine Quelle.
Eines Morgens schaut eine der Frauen verträumt einem Schmetterling hinterher.
Dabei stolpert sie und der Krug wird beschädigt. Einen zweiten hat sie nicht, auch kein Geld
für einen Neuen und so umwickelt sie den Krug notdürftig mit ihrem Tuch. Aber das Wasser tropft an den Bruchstellen heraus und als sie im Dorf ankommt, ist die Hälfte weg.
„Ach“, klagte sie, „ was für ein Unglück, warum war ich nur so unvorsichtig? Alle anderen bringen mehr Wasser mit nach Hause! Meine Mutter hat Recht, ich bin wirklich zu nichts nütze!“
Eines Morgens aber, als die Frauen wieder zum Fluß gehen, ist der schmale Pfad gesäumt von grünen Gräsern und vielen kleinen Blumen, rot, gelb und weiß leuchten sie.
„Das waren deine Wassertropfen“, lächelten die Frauen. „Sie haben den staubigen Weg zum Blühen gebracht!“

Unbekannt


Samstag, 9. August 2014

Danke

Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben;
Sie haben meine Phantasie beflügelt.

Ich danke allen, die mich in ihr Schema pressen wollten;
Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.

Ich danke allen, die mich belogen haben;
Sie haben mir die Kraft der Wahrheit gezeigt.

Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben;
Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.

Ich danke allen, die mich abgeschrieben haben;
Sie haben meinen Mut geweckt.

Ich danke allen, die mich verlassen haben;
Sie haben mir Raum gegeben für Neues.

Ich danke allen, die mich verraten und missbraucht haben;
Sie haben mich wachsam werden lassen.

Ich danke allen, die mich verletzt haben;
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.

Ich danke allen, die meinen Frieden gestört haben;
Sie haben mich stark gemacht, dafür einzutreten.

Vor allem aber danke ich all jenen,
die mich lieben, so wie ich bin; Sie geben mir die Kraft zum Leben!

Danke.

P. Coelho


Freitag, 1. August 2014

Der Tunnel

"Du kannst immer noch ablehnen, wenn Du Angst hast!" Lauernd schaut Ralf den Jungen an, der etwas blaß vor ihm steht. Würde der Neue sich auf die Mutprobe einlassen?

Ja, wer als 'Schwarzer Falke' in ihre Clique aufgenommen werden wollte, der musste schon beweisen, dass er eine gehörige Portion Mumm in den Knochen hatte. Zu fünft umstehen sie den Jungen, dessen Blick unruhig zwischen ihren Gesichtern und seinen Fußspitzen umherwanderte. Er war dreizehn Jahre alt, nein, eigentlich schon fast vierzehn, wenn er es genau nimmt, denn von seinem Geburtstag trennt ihn jetzt nicht mal mehr ein halbes Jahr. Seine verwaschenen Jeans sin kurz unterhalb der Knie abgeschnitten, die Füße stecken in ausgelatschten Turnschuhen und das weiße T-Shirt hat auch schon bessere Tage gesehen. Ein paar Strähnen hellblonden Haares fallen ihm dünn ins Gesicht. Jetzt bleibt sein Blick an Ralf hängen. Mit seinen Fünfzehn Jahren ist er der Älteste und Größte der 'Schwarzen Falken'. Wie bei allen anderen ist auch in sein Hemd mit schwarzem Faden ein kleiner Vogelkopf eingenäht, das Zeichen der Clique. Ralf war der Häuptling, der Anführer, und er durfte bestimmen was ein 'Neuer' tun musste, um aufgenommen zu werden.
Spöttisch grinsend erwidert Ralf Jochens Blick.

Niemand sagt mehr etwas und Jochen schaut unsicher auf die Bahnschienen. Nach Süden führt der Bahndamm in einer weiten Kurve das Flußtal hinunter und verschwindet dann zwischen den ersten Häusern von Haidheim, einem Vorort von Albstadt. Ein Signal steht auf 'HALT'. Links von ihm verschwinden die Schienen im Tunnel. Jochen hält das Schweigen nicht mehr länger aus. Mit ein paar schnellen Schritten springt er auf die Schienen. Die Tunnelöffnung ist mit schweren Steinquadern gebaut und im obersten Stein des Rundbogens ist die Zahl '1923' eingemeißelt. Die Schienen verschwinden schon nach wenigen Metern im Dunkeln und obwohl der Tunnel nur wenige hundert Meter lang ist, ist von hier aus kein Ende abzusehen. Jochen weiß, daß der Tunnel im Hügel eine Kurve beschreibt, um dann kurz vor Fritzenberg wieder ans Tageslicht zu treten.

"Nun?" Plötzlich steht Ralf neben ihm. Jochen holt tief Luft: "Ich mache es..." "Fein", grinst Ralf und wendet sich zu seinen Kameraden. "Hannes, Peter, ihr kommt mit mir. Martin, Thomas, ihr bleibt hier bei Jochen. Uhrenvergleich. Jetzt ist es 17.43 Uhr. Der Zug fährt in Fritzenberg um 17.58 Uhr ab und zur gleichen Zeit schickt ihr Jochen los. Und nun zu dir." Ralf blickt Jochen an und fährt dann fort: "Du hast die Probe bestanden, wenn du am anderen Ende des Tunnels auf mich, Hannes und Peter stößt. Du gehst auf dem schmalen Schotterpfad, der rechts zwischen Schwellen und Felswand verläuft. In der Mitte wird dir der Zug begegnen. Sobald er kkommt, wirfst du dich flach auf den Schotter und rührst dich keinen Zentimeter. Verstanden? Versuch' ja nicht stehenzubleiben oder weiterzulaufen, der Tunnel ist zu eng und der Fahrtwind würde dich unter die Räder reißen, klar !?"

"Ja ... klar", hörte sich Jochen sagen. Er schließt die Augen und hört wie Ralf mit den beiden anderen schnaufend den bewaldeten Hügel hochsteigt. Eine Weile noch hört er das Rascheln der Schritte im Laub, dann ist es still. Thomas und Martin sitzen ein Stück abseits und unterhalten sich flüsternd. Obwohl die Sonne bereits hinter dem Hügel verschwunden ist, ist es immer noch frühsommerlich warm. Im Wald über dem Tunnel singen ein paar Vögel. Jochen, der vor der Öffnung steht, spürt, wie daraus ein feuchtkalter Hauch kriecht.

Seine Uhr tickt. 17.53 Uhr, noch fünf Minuten. Er hat Angst. Was soll er tun? Weglaufen? Nein, niemals, er will die Chance nicht vorbeigehen lassen, er will endlich auch irgendwo dazugehören! Langsam rückt der Zeiger vor. Noch eine Minute. Jochen zwingt sich zur Ruhe und verfolgt angespannt das Vorrücken des Sekundenzeigers. "Auf geht's", ruft ihm Thomas zu, "und denk ja nicht, du könntest umkehren. Wir bleiben hier sitzen!"

Jochen springt auf. Ein paar Steine spritzen, als er den Schotterpfad betritt. unter seinen Füßen knirschen die Steine. Mit hastigen Schritten läuft er ins Dunkel. Eine feuchtkalte Luft empfängt ihn. Er spürt die Gänsehaut, die an seinen nackten Armen emporkriecht. Seine rechte Hand gleitet über unbehauene Felswände, wird von rauhen Vorsprüngen aufgeschrammt. Gut, dass der Schotter so knirscht, das übertönt die entsetzliche Stille, die hier auf einmal herrscht. Seine Schritte hallen in der engen Röhre wieder. Von oben tropft es. Langsam beginnt er, ruhiger zu werden. Er schlägt ein gleichmäßiges Schritttempo ein. Als er zurückblickt, liegt die Öffnung bereits als kleiner werdende Lichtscheibe hinter ihm. Für einen kurzen Augenblick denkt er daran, was anders sein wird, wenn er die Mutprobe bestanden hat. Gedanken an Freundschaft und Geborgenheit steigen in ihm hoch. Ach was! - noch ist es nicht überstanden und Jochen bleibt stehen, um einen kurzen Blick auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr zu werfen. 18.03 Uhr, eigentlich müsste er jetzt in der Mitte sein. Wo bleibt der Zug? Wo bleibt der Zug? Zur gleiche Zeit steht Ralf am anderen ende des Tunnels und blickt missmutig auf die Uhr.

"Der Zug hat Verspätung", brummt er zwischen den Zähnen Hannes zu. "Was machen wir mit Jochen, wenn er hier ist, bevor der Zug durchgefahren ist?" Hannes zuckt mit den Schultern und will etwas sagen, aber da ruft auch schon Peter vom Hügel herunter: "Jetzt ... er kommt ... ich seh ihn ... gerade fährt er aus Fritzenberg 'raus!" Hannes und Jochen sehen sich erleichtert an.

Drinnen im Tunnel sieht Jochen jetzt schon den Ausgang. Die schwache Scheibe Tageslicht zieht ihn geradezu magisch an, immer schneller läuft er darauf zu. Wenn der Zug nicht kommt, ist das schließlich nicht seine Schuld. 'Wenn du auf Hannes, Peter und mich stößt, hast du die Mutprobe bestanden', hieß es doch! Er stolpert und fällt hart auf die groben Schottersteine. Sein linkes Knie schmerzt und stöhnend richtet er sich wieder auf. Humpelnd läuft er weiter. Jetzt kann er schon eine kräftige Gestalt draußen vor dem Tunnel ausmachen, nein, es sind sogar zwei Silhouetten! "Der eine ist Ralf", denkt Jochen und muss einen Augenblick stehenbleiben, um sein schmerzendes Knie zu reiben. In diesem Augenblick hört er auch ein feines Sirren in den Schienen. Der Zug.
"Vielleicht schaffe ich es noch, bevor er den Tunnel erreicht!?"
"Ich schaffe es", denkt Jochen, "ich schaffe es!"Humpelnd stürzt Jochen vorwärts. Noch fünfzig Meter bis ins Freie. Das Sirren wird heftiger.

Noch zwanzig Meter, als draußen gellend eine Pfeife aufheult und das Sirren der Gleise sich zu einem ohrenbetäubenden Krach steigert. Am Ausgang stehen Ralf und Hannes. Hannes blickt befriedigt auf die nahende Diesellok, während Ralf noch einen letzten Blick in den Tunnel wirft. Was ist das? Etwas Weißes bewegt sich aus dem Dunkeln auf ihn zu. "Jochen", entfährt es Ralf und im gleichen Augenblick heult neben ihm die Pfeife des Zuges auf. "RUNTER", schreit er dem humpelnden Jochen entgegen, "FLACHLEGEN!", aber das Gebrüll des Zuges übertönt alles. "J O C H E N ! ! !"

Uwe Roller